Erfolge nicht anerkennen können: Der Zettel, der mir die Augen öffnete

Veröffentlicht am Kategorisiert als Selbstsabotage & Nervensystem
Katharina Bonné sitzt an einem Tisch und schreibt handschriftlich ihre Erfolge des Tages auf - Symbolbild für das Zettel-Experiment gegen das Nichtanerkennen eigener Erfolge.

Kennst du das Gefühl am Ende eines Tages, an dem du eigentlich viel geschafft hast und trotzdem denkst, es war nicht genug? Genau darum geht es, wenn wir eigene Erfolge nicht anerkennen können: nicht darum, dass wir wirklich zu wenig tun, sondern dass unser Kopf es uns nicht glauben lässt.

Mir passiert das ständig. Mein Quatschi, wie ich meine innere Kritik-Stimme seit Jahren nenne, ist dann wieder unzufrieden mit mir. Egal, was ich an dem Tag erledigt habe – für ihn reicht es nie.

Mein Zettel-Experiment

Vor kurzem wollte ich es genau wissen. Ich habe einen ganzen Tag lang alles aufgeschrieben, was ich erledigt hatte – egal ob klein oder groß.

  • Jede E-Mail,
  • jedes Telefonat,
  • jede Kleinigkeit im Haushalt,
  • jede Aufgabe für die Arbeit.
  • Wirklich jedes Detail.

Am Abend war das Gefühl trotzdem da. Dieses vertraute „Du hast wieder nicht genug geschafft.“ Quatschi war, wie erwartet, nicht mit mir zufrieden.

Dann habe ich auf den Zettel geschaut. Und war ehrlich erstaunt: Da stand so viel mehr, als ich im Kopf hatte. Ich habe ihn einer Freundin geschickt – sie war fassungslos, wie viel ich an einem einzigen Tag tatsächlich erledigt hatte. Ich auch. 😊

Warum lobt Quatschi mich nie?

Kurzantwort: Weil es nicht sein Job ist, nett und fair zu sein.

Ich glaube, der Job von Quatschi (unserem Verstand) ist es, uns in der Komfortzone zu halten. Da ist es sicher. Vielleicht nicht immer schön, aber eben sicher. Hier kennen wir uns aus. Alles soll bleiben, wie es ist.

Loben würde bedeuten: Es ist gut so, wie es ist – du darfst aufhören, wachsam zu sein. Für Quatschi ist das kein Geschenk, sondern ein Kontrollverlust. Seine Sicherheit hängt nicht davon ab, dass es dir gut geht, sondern davon, dass du niemals aufhörst, aufzupassen.

Im Kern ist das nichts anderes als Angst. Die Angst, dass ohne ständige Wachsamkeit etwas schief geht. Wie genau diese Angst in deinem Nervensystem entsteht, erkläre ich hier ausführlicher.

Das passt zu dem, was man über unser Nervensystem weiß: Es ist von Natur aus auf Bedrohung geeicht, nicht auf Bestätigung. Ein übersehenes Risiko konnte früher gefährlich werden – ein übersehenes Lob nicht. Das nennt man Negativitätsverzerrung: Das Gehirn registriert, was fehlt. Das ist zuverlässiger als das, was schon geschafft ist.

Quatschi kritisiert also nicht, weil er gemein ist. Er hält nur Ausschau nach Gefahr. Das ist sein Job. Und Erfolge gehören für ihn einfach nicht in diese Kategorie.

Was ist das Hochstapler- bzw. Impostor-Phänomen?

Das Hochstapler- bzw. Impostor-Phänomen beschreibt die andauernde Angst, trotz echter Erfolge nicht wirklich kompetent zu sein und jeden Moment als „Betrug“ aufzufliegen. Wer betroffen ist, schreibt Erfolge äußeren Umständen wie Glück oder Zufall zu, Misserfolge dagegen sich selbst. Geprägt wurde der Begriff 1978 von den Psychologinnen Clance und Imes. Wichtig: Es ist keine offizielle Diagnose, sondern eine verzerrte Selbstwahrnehmung.

Was habe ich daraus mitgenommen (und immer wieder verloren)?

Kurzantwort: Dass ich das Muster nicht einmal durchschaue und für immer löse. Ich muss es immer wieder üben.

Ganz ehrlich: Ich habe den Zettel seitdem nicht mehr geführt. Erst als ich begonnen habe, diesen Artikel zu schreiben, merkte ich ganz klar: Ich sollte damit wieder anfangen. Möchte dies zu einer neuen Gewohnheit machen. Nicht nur, um meine Erfolge zu sehen, sondern auch, um Dankbarkeit reinzuholen für das, was schon da ist.

Das ist vielleicht der wichtigste Teil dieser Geschichte: Es geht offensichtlich nicht darum, das Muster einmal zu durchschauen und für immer zu lösen. Es geht darum, es immer wieder zu üben. Aus der Wiederholung entsteht eine neue Haltung. Quatschi verschwindet nicht, weil du einmal einen Zettel geschrieben hast.

Was kannst du heute schon ausprobieren?

Kurzantwort: Schreib einen Tag lang jede erledigte Aufgabe auf, so klein sie auch ist.

Erkennst du dich in diesem Gefühl wieder?
Diesem „Ich habe heute nicht genug geschafft“, obwohl dein Tag voll war? Dann probier es genauso aus wie ich:

Nimm dir gleich morgens an einen Tag einen Zettel und schreib über den ganzen Tag alles auf, was du erledigt hast. Wirklich alles, auch die kleinen Dinge.

Du wirst am Abend sehr wahrscheinlich trotzdem Besuch von deinem Quatschi bekommen. Das ist okay. Der Punkt ist nicht, dieses Gefühl abzuschalten, sondern dir am Ende den Zettel anzuschauen und dir selbst mehr zu glauben als deinem Kopf.

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Dein Nervensystem wird nicht über Nacht lernen, Erfolge genauso ernst zu nehmen wie Risiken. Aber jedes Mal, wenn du schwarz auf weiß siehst, was du geschafft hast, gibst du ihm einen kleinen Gegenbeweis. Entziehst Quatschi die Macht. Und mit der Zeit sammeln sich diese Gegenbeweise.

Das bringt Quatschi zwar nicht endgültig zum Schweigen, aber am Ende zählt, ob du deine Erfolge siehst, nicht ob er sie anerkennt. Und das ist sehr heilsam und beruhigend.

FAQ zu Erfolgen und dem Hochstapler-Gefühl

Warum fällt es vielen Menschen schwer, eigene Erfolge anzuerkennen?

Weil unser Nervensystem evolutionär darauf ausgerichtet ist, Gefahren wahrzunehmen, nicht Bestätigung. Es sucht nach dem, was fehlt, nicht nach dem, was schon da ist.

Was hilft dabei, die eigenen Erfolge wieder wahrzunehmen?

Bei mir hat es geholfen, für einen Tag lang jede erledigte Aufgabe aufzuschreiben – egal wie klein oder groß. Der Blick auf den Zettel zeigt oft mehr, als der Kopf zulassen wollte.

Ist eine ständig kritische innere Stimme ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt?

Nein. Sie versucht, dich in der Komfortzone und damit vermeintlich sicher zu halten. Das macht sie nicht zu einem Fehler, aber ihre Einschätzungen sind selten fair.

Verschwindet dieses Muster irgendwann von allein?

Aus meiner Erfahrung nicht von allein – es braucht immer wieder bewusste Übung, zum Beispiel durch Aufschreiben oder Methoden wie Access Bars®, die mein Nervensystem beruhigen.

Was hat das Imposter-Phänomen mit dem Nichtanerkennen eigener Erfolge zu tun?

Der Begriff wurde 1978 von den Psychologinnen Clance und Imes geprägt. Im Deutschen hat sich dafür das „Hochstapler-Phänomen“ eingeprägt. Ursprünglich für erfolgreiche Frauen beschrieben, die ihre Leistungen trotz echter Beweise nicht sich selbst zuschrieben. Eine Studie der Uni Halle-Wittenberg (2022) bestätigte das später unter echten Prüfungsbedingungen: Betroffene schreiben Erfolge Glück oder Zufall zu, Misserfolge dagegen sich selbst – unabhängig von Alter, Geschlecht oder tatsächlicher Intelligenz. Wichtig: Es ist kein offizielles Störungsbild, sondern eine verzerrte Selbstwahrnehmung. Genau die erlebe ich bei meinem Zettel-Experiment. Der Unterschied ist nur, dass ich mir die Beweise diesmal schwarz auf weiß angeschaut habe, statt sie im Kopf wegzuwischen.

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Katharina🍀

Von Katharina Bonné

ÜBER MICH: Leben darf einfach sein. Meine Haltung. War es das immer für mich? Ganz und gar nicht. Ich kenne das Gefühl, wenn der Kopf nicht still wird, der Verstand die Führung übernimmt und der Körper nicht zur Ruhe kommt. Als körperorientierte Heilpraktikerin für Psychotherapie & Coach arbeite ich u.a. mit Access Bars® und begleite Menschen genau an diesem Punkt dabei, ihr Nervensystem zu beruhigen - mit Klarheit, Körperarbeit und einer guten Portion Gelassenheit. Wahl ist immer möglich - hier und jetzt. Ich bin das beste Beispiel dafür, dass Veränderung wirklich möglich ist. Mehr über mich erfährst du hier.

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