Ich bin neurodivergent. Immer schon gewesen.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Neurodivergenz & Nervensystem, Persönliches
Katharina Bonné sitzt entspannt auf einer Wiese mit weißen Schafen und einem bunten Schaf – Symbol für Neurodivergenz und das Anders-Sein

Ich bin anders.

Schon mal gehört?

Ich kenne das schon mein ganzes Leben lang. Begleitet von Sätzen wie: „Immer brauchst du eine Extrawurst.“ „Stell dich nicht so an.“ „Kannst du nicht einmal normal sein?“

Lange habe ich geglaubt, das Problem zu sein. Heute weiß ich: Ich war nie das Problem. Ich war einfach anders. Das wusste ich damals jedoch noch nicht.

In meinem Blog gibt es seit Kurzem die Kategorie Neurodivergenz & Nervensystem. Das Thema selbst begleitet mich schon immer – auch wenn es sehr lange keinen Namen dafür gab.

Zu viel. Zu laut. Zu neugierig.

Schon immer war meine Welt voll.

Für mich war meistens mehr da als für andere.
Mehr Eindrücke, mehr Gefühle, mehr Fragen.
Damals habe ich das nicht verstanden.
Da war niemand in meiner Welt, mit dem ich darüber reden konnte.

Und so stellte ich Fragen. Viele Fragen. Ständig.

Mit 8 Jahren hörte ich damit auf.

Wir waren essen. Alles war so aufregend. Ich stellte Fragen.
Dann eine Handbewegung meiner Mutter.
Ihr Handrücken und ihr schwerer Ring landeten auf meiner Lippe.

„Sei still, wenn Erwachsene reden.“

Meine Lippe blutete.
Und ich war still.

Von diesem Moment kam das „zu“ in mein Leben.

Ich war zu viel. Zu neugierig. Zu schnell.
Redete zu viel.
War ein Zappelphilipp.
Und noch mehr zu dies und zu das.
Und all das sollte mich mein ganzes Leben lang begleiten.

Meine Mutter fragte irgendwann mal den Kinderarzt, wie sie mich ruhiger kriegen könnte. Er verschrieb mir Baldrian-Tropfen. Die Wirkung? Ich wurde noch aufgedrehter. Auch das weiß ich heute: Während anderen Menschen Mittel helfen, wirken sie bei mir oft anders. Manchmal stärker. Manchmal umgekehrt. Mein System hat eben andere Regeln.

Der Weg der Anpassung

Okay. Ich hatte kapiert, wie es funktioniert.
Zumindest für die anderen.

Und so startete ich den Weg der Anpassung.
Ich ging ihn Jahrzehnte.
Den Weg mit richtig und falsch.
Mit gut und schlecht.

Ich lernte meine Neugier zu zügeln.
Sie abzuschalten, wenn sie für andere zu viel waren.
Ich wurde stiller.
Ich passte mich an.

Und wenn meine Lebendigkeit wieder zum Vorschein kam, folgten verlässlich diese Sätze – von der Familie, in der Schule, später in Partnerschaften:
„Kannst du nicht einmal normal sein?“
„Musst du immer die Extrawurst sein?“
„Mach doch mal eins nach dem anderen.“
„Zum Lernen brauchst du Ruhe, keine Ablenkung.“

Stets wurde ich verglichen mit Menschen, die hineinpassten.
Die normal waren.

Nach einigen Jahrzehnten kann ich sagen:
Leute, ich habe es wirklich versucht!
Ich habe mir größte Mühe gegeben, dazuzugehören und hineinzupassen.
Und ich tat das alles, um geliebt zu werden.
Um anerkannt zu werden.

Was dabei auf der Strecke blieb war, dass ich keine Ahnung mehr hatte, wer ich eigentlich war. Was mich ausmachte.

Die Schublade, die rettete – und dann einengte

2013 entdeckte ich den Begriff Hochsensibilität.

Ich erinnere mich noch genau, wie glücklich mich das gemacht hat.
Mit Freude bin ich in diese Schublade gesprungen.
Und las alles, was ich dazu finden konnte.

Ja, alles das war ICH.
Tief vergraben, aber ich fand mich hier wieder.

Endlich hatte ich eine Erklärung:
„Ich bin hochsensibel.“
Endlich gehörte ich irgendwo dazu.

Und dann – die Ernüchterung.

Denn schnell merkte ich, dass Hochsensibilität hierzulande meist als Störung angesehen wird.
Und so regnete es wieder Sätze:
„Nun sei doch nicht so empfindlich.“
„Du bist aber auch echt ein Sensibelchen.“

Schon wieder eine Falle.
Schon wieder eine Bewertung.
Schon wieder eine Begrenzung.

Ich hatte eine Schublade gegen eine andere getauscht.

Was wäre, wenn hochsensibel eigentlich hochwahrnehmend meint?

Das Wort „hochwahrnehmend“ hätte ich mir früher gewünscht.
Es fühlt sich anders an.
Nicht kleiner, sondern größer.
Nicht schwächer, sondern präziser.

Ich nehme mehr wahr.
Das ist keine Schwäche.
Das ist eine Fähigkeit.

Ein Beispiel aus meinem Leben:

Ich wohnte einmal im dritten Obergeschoss. Nachts hörte ich immer durch das Kissen ein leises Brummen. Kaum wahrnehmbar – aber es ließ mich nicht schlafen. Ich rief die Hausverwaltung an. Innerlich dachte ich die ganze Zeit: Die glauben bestimmt, ich hab sie nicht mehr alle!

Gut vier Monate lang schickte die Hausverwaltung einen Handwerker nach dem nächsten. Keiner konnte das Geräusch lokalisieren. Keiner hörte es. Es war mir so unglaublich unangenehm! Ich begann, an mir selbst zu zweifeln. Bilde ich mir das nur ein?

Die Dame in der Hausverwaltung glaubte mir. Sie blieb dran.

Am Ende stellte sich heraus: Die Heizungspumpe im Keller hatte im Nachtbetrieb eine massive Störung. Sie wäre irgendwann komplett ausgefallen – mit erheblichem Schaden. Weil ich von meiner Wahrnehmung berichtet hatte und die Dame in der Hausverwaltung drangeblieben ist, konnte es einfach und günstig repariert werden.

Man bedankte sich bei mir.

Ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert ich war. Und zum ersten Mal dachte ich: Vielleicht ist das, was mich so oft erschöpft, manchmal auch ein Geschenk…

Das ist es, was hochwahrnehmend bedeutet.
Du nimmst wahr, was andere nicht wahrnehmen.
Das ist keine Einbildung.
Und es ist vor allem keine Störung.

Stell dir vor, du bist wie ein Schwamm – du nimmst alles um dich herum wahr und saugst es auf, als wäre es deins.
Die Stimmung im Raum.
Die Energie eines Menschen.
Die unausgesprochene Spannung zwischen zwei Menschen.

Ich dachte lange, dass alles, was ich wahrnahm, meins war.
Denn ich fühlte es ja.
Traurig. Müde. Wütend. Überfordert.

Und dann fragte mich jemand:
„Wem gehört das eigentlich? Ist das deins?“

Ach du meine Güte!
Eine so große Last flog von meinen Schultern.
Ich war so erleichtert.
Und unendlich dankbar.

2020: Das Jahr, in dem ich aufhörte, mich zu verbiegen

2020 war ein Jahr, das sehr viel in mir und meinem Leben veränderte.

All diese Regeln, diese Vorschriften, dieses enge Korsett.
Und ich sah, wie schlecht es vielen Menschen damit ging.
Wie sie sich bogen und fügten und dabei immer kleiner wurden.

Es war paradoxerweise genau diese Zeit, in der mein Mut wuchs, meinen eigenen Weg zu gehen.
In der ich mehr von mir entdeckte.

In der diese Frage entstand:

Was funktioniert für mich – und was nicht mehr?

Und als ich all das erkannte, wurde mir etwas sehr Wichtiges bewusst: Schon immer waren die meisten Klienten, die zu mir kamen, auch „anders“. Besonders diejenigen, mit denen ich sehr gerne und intensiv zusammenarbeite. Mit denen große Veränderungen möglich wurden.

2020 war auch das Jahr, in dem ich die Access Bars® kennenlernte. 32 Punkte am Kopf, die das Nervensystem auf eine Weise beruhigen, die ich bisher mit keiner anderen Methode gefunden habe.
Vieles wurde klarer. Leichter.
Als würde jemand den Lärm im Hintergrund leiser drehen.
Für ein neurodivergentes Gehirn ist das goldwert.

Wir kommen als Originale zur Welt

Und die meisten von uns verlassen sie als Kopien.

Mich hat niemand wirklich ermutigt, das einzigartige Original zu sein, welches ich bin.
Wenn man immer nur aneckt und bewertet wird, hält man es vielleicht sogar als erstrebenswert, eine Kopie zu werden.
Ich habe es wirklich versucht.
Spaß hat es keinen gemacht.
Und gelohnt hat es sich schon gar nicht.

Rückblickend muss ich schmunzeln.
Denn je mehr ich mir heute erlaube, alles zu sein, was sich für mich stimmig anfühlt, desto leichter wird alles. Und desto mehr bin ich ein Beitrag – für andere, für meine Arbeit, für mein Leben.

Leben darf einfach sein.

„Mach doch mal eins nach dem anderen.“
„Nie machst du etwas zuende.“
Tat ich nur eines auf einmal, langweilte ich mich so sehr, dass ich oft müde war.

„Du musst dich mehr konzentrieren.“
Wenn ich früher z.B. meine Buchhaltung machte, suchte ich immer die Ruhe. Hat nicht funktioniert. Ich war immer irgendwie abgelenkt.
Heute lasse ich meistens auf dem iPad neben dem Rechner einen Film laufen. Das beruhigt mich erstaunlicherweise und ich kann mich sehr gut konzentrieren.
Und wunderbarerweise hebt es gleichzeitig meine Stimmung.😊

Und all das hat heute einen Namen:

Ich bin neurodivergent.

Heute kenne ich einen Begriff, der all das beschreibt: Neurodivergenz.

Neurodivergenz:
Selbst der Duden kennt dieses Wort noch nicht. Dabei beschreibt es etwas, das Millionen Menschen täglich erleben: ein Gehirn, das anders funktioniert.
Nicht falsch, sondern anders.

Mein Gehirn verarbeitet Informationen grundsätzlich anders als das der meisten Menschen um mich herum.
Anders – nicht falsch oder gestört.
Nicht kaputt. Nicht zu viel.

Einfach anders kalibriert.
Anders verdrahtet.

Alle diese „zu viel’s“ – zu neugierig, zu laut, zu sensibel, zu lebendig – waren nie ein Fehler.

Sie waren immer schon eine Fähigkeit.
Eine Gabe.
Das hat mir früher nur leider niemand gesagt.

Und das ist das Einzige, was ich wirklich bedauere.
Nicht dass ich anders bin.
Sondern dass ich so lange gebraucht habe, es als Stärke zu sehen.

Wie ist das in deiner Welt?

Vielleicht erkennst du dich in einigem wieder.

Fragen können helfen, mehr über dich selbst zu entdecken.
Nicht um Antworten zu erzwingen, sondern um Neugier zu wecken.

Suche deinen Lieblingsplatz und verbringe dort ein wenig Zeit mit dir. Oder beobachte dich, wenn du in einem vollen Café sitzt.

Was nimmst du wahr?
Was fühlt sich leicht an – und was kostet dich Energie?
An welchen Plätzen sprudelt deine Kreativität besonders hoch?

Frage dich auf keinen Fall: Was stimmt mit mir nicht?
Sondern: Wie funktioniere ich eigentlich wirklich?

Wenn du merkst, dass da noch alte Sätze in dir oder über dich mitlaufen wie „Ich bin zu viel“, „Ich bin falsch“ oder „Ich muss mich anpassen“ – dann ist dieses kostenfreie Workbook vielleicht ein guter nächster Schritt: Stimmt das wirklich?.

Und wenn du mehr herausfinden möchtest – gerne gemeinsam:


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Von Katharina Bonné

ÜBER MICH: Leben darf einfach sein – das ist meine Haltung. War es das früher für mich? Ganz und gar nicht. Ich kenne das Gefühl, wenn der Kopf nicht still wird, der Verstand die Führung übernimmt und der Körper nicht zur Ruhe kommt. Heute begleite ich Menschen genau an diesem Punkt - mit Klarheit, Körperarbeit und einer guten Portion Gelassenheit. Wahl ist immer möglich - hier und jetzt. Ich bin das beste Beispiel dafür, dass Veränderung wirklich möglich ist. 🙂 Mehr über mich erfährst du hier.

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